Der See Drachenauge

Der See Drachenauge ist ein einzigartiges geohydromorphologisches Phänomen der östlichen Adriaküste, in welchem sich wegen seiner besonderen physikalisch-chemischen Eigenschaften eine unverkennbare Flora und Fauna entwickelt hat. Der See liegt auf der Halbinsel Gradina, neben dem schmalen Streifen Land, welches die Buchten Soline und Koprišće voneinander trennt. Es ist von steilen Klippen, 4 bis 24 Meter hoch, umgeben. Die Fläche des Sees beträgt in etwa 10.000 m², und die maximal gemessene Tiefe ist 15 Meter.

Der See hat keine sichtbaren Oberflächenverbindungen mit dem umliegenden Meer, jedoch ist eine mediolitorale Stufe erkennbar (Zone der Flut und Ebbe); dies beweist, dass die Gezeiten im See spürbar sind, beziehungsweise dass es durch die Spalten und Kanäle im porösen Kalkgestein zum Austausch des See- und des Meereswassers kommt. Die einzigartige und besondere Umgebung des Drachenauges, mit der dicken unteren Schwefelwasserstoffschicht, hat in den vergangenen Jahren das Interesse von zahleichen einheimischen und ausländischen Wissenschaftlern geweckt; und wegen der meromiktischen und anoxischen Eigenschaften des Seesalzwassers wird der See Drachenauge mit dem Schwarzen Meer, dem Fjord Framvaren in Norwegen oder dem Kratersee Pavin in Frankreich verglichen.
Im Laufe der Jahrhunderte kam es vor, dass der See „aufkochte“ oder, wie es Wissenschaftler nennen, es kam zum Überschlagen der Wassersäule, wobei es zur Freisetzung des elementaren Schwefels kommt, welcher auf der Oberfläche den Zugang von Sauerstoff blockiert, und das Resultat ist, dass alle lebenden Organismen im See verenden. Dieses Phänomen nennt die ortsansässige Bevölkerung auch „das Erwachen des Drachens“ und es wiederholt sich in etwa alle dreißig Jahre. Solche Bedingungen wurden im Jahr 1997 verzeichnet, als 20 Tausend Tonnen von lebenden Organismen im See verendeten.
Die ortsansässige Bevölkerung hat mit diesem ungewöhnlichen Naturphänomen verschiedene Legenden verknüpft.

Eine von ihnen ist auch die Geschichte über drei Brüder, von denen einer blind war. Nach dem Tod der Eltern sollte die Erbschaft verteilt werden. Die gesunden Brüder haben den blinden betrogen und dieser verfluchte sie mit den Worten: „Wenn ihr das Land nicht gerecht verteilt habt, dann soll sich alles in einen See verwandeln und aus dem See wird ein Drache springen, welcher euch fressen wird.“ Und so ist es auch geschehen, der Boden unter den Füssen der zwei unehrenhaften Brüder teilte sich und durch die große Kluft brodelte das Meer hindurch und bildete einen See. Seitdem hat sich ein Drache im See niedergelassen, welcher mit seinem Atem die lebenden Organismen im See vergiftet.

Es gibt noch eine andere Geschichte. Der Drache Murin, der uneheliche Sohn von Hera und Poseidon, regierte aus seiner Burg auf der Insel Smokvica über die Polis Heraclea. Er beschützte die einheimischen Bewohner vor Eroberern und Räubern, und diese mussten ihm jedes Jahr, am längsten Tag, das schönste Mädchen zur Frau geben. Keine der unglücklichen Mädchen hat die Hochzeitsnacht überlebt. Der Legende nach erschien eines Tages, auf seinem geflügelten Pferd Pegasus, der Held Aristoles, der Urenkel des Argonauten Jason. Er verliebte sich in das Mädchen, welches am nächsten Tag die Braut des furchteinflößenden Drachens werden sollte. Der junge Held forderte den Drachen zum Duell und es gelang ihm, mit dem Speer, welchen die mächtige Göttin Athena mit der Hilfe von Hephaistos und des Mondstaubs schmiedete, das Ungeheuer tödlich zu verletzen. Während er starb, riss sich der Drache mit seinen Krallen die eigenen Augen aus. Ein Auge schmiss er in die Ferne, hinter der Insel Mljet, wo die Adria heute am tiefsten ist, und das andere Auge fiel neben seine Füße und das Gestein schmolz. Das Meer floss in die Steineinbuchtung und so ist der See mit dem signifikanten Namen Drachenauge entstanden. Der Legende nach, wenn zwei Verliebte im See Drachenauge baden, bleiben sie einander ein Leben lang treu und ihre Ehe wird mit Fruchtbarkeit und ewiger Liebe gesegnet sein.